Etwas, das mir seit Tagen durch den Kopf schwirrt.
Nachdem D. gestorben ist, war ich gefangen in einem Loch, aus dem ich nicht heraus wollte, konnte. Ein Stich im Herz. Gehüllt in Verzweiflung. Ein Knoten im Hals. Bei dem kleinsten Gedanken an ihn. Tränen, ständing in Aufbruch- und Ausbruchstimmung und doch nie geweint.

Ein Satz, der mir immer durch den Kopf schwebte. In Dauerschleife. Fett gedruckt. Mein Leben für eine letzte Stunde mit Dir.
Zunehmend entwerfe ich mich davon. Vor sieben Jahre hätte ich alles weggeworfen, alles hier stellvertretend für mein Leben, um ihn noch einmal an meiner Seite zu haben, noch einmal seine Hand halten zu können.

Die Jahren sind vergangen. Mein Weltbild hat sich geändert. Mein Bild von mir und dem Leben hat sich geändert. Diese Sehnsucht nach ihm ist ständiger Begleiter. Dieses Loch, das keiner zu füllen vermag. Diese Leere, die er hinterlassen hat.

Aber dieser eine Satz. Ich verliere ihn. Ich verliere seine Bedeutung für mich. Zeitgleich tritt ein Gefühl hervor, das Gefühl ihn dadurch zu verraten. Gefangen zwischen loslassen und leben. Zwischen Dir und mir. Auf Teufel komm raus an der Vergangenheit festhalten, parallel jedoch in der Gegenwart präsent sein und sein wollen.

Gedankenwirr um kurz nach Mitternacht.
28.11.09 00:20


Liebes Leben

Liebes Leben, fang mich ein,
halt mich an die Erde.
Kann doch, was ich bin, nur sein,
wenn ich es auch werde.

Gib mir Tränen, gibt mir Mut,
und von allem mehr.
Mach mich böse, mach mich gut,
nur nie ungefähr.

Liebes Leben, abgemacht?
Darfst mir nicht verfliegen.
Hab noch so viel Mitternacht
sprachlos vor mir liegen.

Konstantin Wecker
26.11.09 17:56


Die Liebe.


In meiner Naivität, von der ich reichlich habe, glaube ich noch an diese eine, diese große, alles verschlingende Liebe.
Jemanden ansehen und zu wissen: Er! Und niemand sonst. Nur er. Überall. Im Herz. Im Kopf. Im Leben. Im Selbst. Ein Teil werden. Teilen. Verständnis ohne Worte. Liebe zeigen, nicht immer mit Worten beschreiben müssen. In einander verschlungene Hände. In einander verschlungene Leben. Nicht einsam sein, selbst wenn man alleine ist. Dieses Gefühl jemanden an seiner Seite zu wissen, der Deine Gefühle wie ein Spiegel auf Dich zurück projiziert. Ein Geben und Nehmen im Einklang. Eine Harmonie zweier Leben perfekt zu einem vereint. Sich dabei aber nicht selbst verlieren. Man selbst bleiben. Zu zweit.

Blicke, die mehr sagen, als alle Wörter dieser Welt. Eine Berührung, die elektrisiert. Immer wieder aufs Neue. Sich in Augenblicken verlieren. Momente auskosten. Ewigkeiten in Bruchteilen einer Sekunden schaffen. Erinnerungen, Liebesgefühl.

Die eine Liebe, die dem Schmerzherz hilft nicht mehr zu schmerzen. Die Ursachen bekämpfen und nicht Symptome. Ehrlich sein in allen Lebenslagen. Gefühle zeigen. Gefühle ansprechen. Einander haben. Immer. Die Vorfreude ihn wieder zu sehen, auch wenn er nur kurz weg war. Manchmal aus den Augen, nie aus dem Sinn, nie aus dem Herz.

Lachen, ohne zu wissen warum. Halt geben, Halt finden. Schmetterlinge, die nicht von der Zeit getötet werden. Kribbeln auf der Haut bei der kleinsten Berührung. Hand in Hand, Herz bei Herz durch die Welt, durch das Leben. Dieses Gefühl, dass Zuhause kein Ort ist. Nach Hause kommen, zu dem einen Menschen. Der eine Mensch, der ein Zuhause ist. Geschützt, beschützt.

Gemeinsamkeiten in Unterschieden entdecken. Fehler lieben, weil sie den Menschen ausmachen. Gewärmt sein, auch wenn es draußen stürmt und friert. Liebe sehen, in Gesten, in Augen, in Berührungen, in Worten, in allem. Sich fallen lassen und sich dennoch nicht gehen lassen.

Mein Wunschdenken. Meine Hoffnung.
Der genaue Kontrast zu dem, was ich gesehen habe, was ich selbst erlebt habe.
Die Familie, zerstört. Nach außen hin funktioniert sie, aber wehe jemand sieht unter die Fassade. Die Eltern, die seit Jahren in getrennten Zimmer schlafen. Der Vater, der früher nie einen Seitensprung ausließ. Die Mutter, die ihren Schmerz beiseite gelegt hat, um ihre Vorstellung von Liebe, von Familie, von Ehe zu bewahren.

Aufgewachsen mit dem Gefühl, nie gut genug zu sein. Aufmerksamkeit wurde nur geschenkt, wenn was schief ging, was dazu führte, dass ich mit Absicht alles schief gehen ließ, nur um für kurze Zeit einmal im Mittelpunkt ihrer Leben stand.
Immer neidisch auf den Bruder, der alles bekam, was ich wollte. Narrenfreiheit genoß und tun konnte, was auch immer er wollte. Sein Versagen in der Schule wurde toleriert, meines beschimpft.
Der Stolz auf seine gefestigte Persönlichkeit, die ich mit Ekel betrachte. Rechts, sexistisch, aggressiv. Die WOW-Sucht als Zeitvertreib angesehen. Alle seine Fehler werden mit einem Satz entschuldigt: „Er arbeitet doch.“ Geld als Maß aller Dinge.

Getrennte Leben unter einem Dach. Der krampfhafte Versuch meiner Mutter uns irgendwie zusammen zu halten und doch zu wissen, dass es keine Chance mehr gibt. Sie tut mir leid. Jeden Tag aufs Neue. Wenn sie uns mit flehenden Augen zum gemeinsamen Essen auffordert, wir es aber nicht schaffen nur eine halbe Stunde gemeinsam am Tisch zu sitzen ohne uns in die Haare zu kriegen.

Mit diesem Gefühl an Beziehungen rangehen ist schwer. Einfach lieben wird zur Last, aber auch zur Sucht. Die Hoffnung, es besser zu machen, es besser machen zu können, wird nach jedem Ende zerschlagen. Vertraute Zweisamkeit verzweifelt gesucht. Im Hinterkopf immer dieser Gedanke. Ich kann lieben, Liebe geben, Liebe annehmen. Erneut scheitern. Mauern aufbauen und sie nicht einschlagen können. Nähe so dringend suchen, so dringend brauchen und sie dann doch nicht zulassen können.

Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, als ständiger Begleiter. In Leben eintreten und dann aus ihnen wieder verschwinden, wenn die Vertrautheit anfängt einzuengen. Wenn Mauer fallen müssen, aber jedem Sturm trotzen. Stumpfe Gefühle. Stumpfes Herz.

Verlassen, verlassen werden. Die Flucht in meine Welt, in meine Melancholie, dort fühle ich mich wohl, nur mit mir und doch so einsam. Mehr Gefühle am Ende haben, als die ganze Beziehung über. Süchtig nach Herzschmerz. Friedliches Beieinandersein zerstören, weil ich das Gefühl habe, nicht völlig glücklich sein zu können, zu dürfen.

Und dann dieser kleine Gedanke im Kopf, dieses kleine Gefühl im Herz, dass sich alles ändert, dass ich mich ändere, wenn ich mein Gegenstück finde, der mir zeigt, wie man liebt ohne ständig verletzt werden zu müssen, ohne ständig verletzen zu müssen. Geborgen in der Liebe.

24.11.09 11:02


Dein Leben. Am Abgrund.


Ich vermisse Dich nicht, es ist nur Deine Gesellschaft, die mir fehlt. – war einmal. Dich, so wie Du heute bist, vermisse ich nicht. Will ich nicht vermissen. Kann ich nicht vermissen.

Du bist mir so unerträglich fremd geworden, in Deinem Rausch, Deinem Verlangen nach Gift.

Manchmal habe ich dieses Gefühl, dass wir aneinander nur anhielten, weil wir beide D. verloren haben. Dieser Schmerz, diese Sehnsucht nach ihm hat uns zusammen geschweißt. Wir haben etwas geteilt, waren uns urplötzlich nah geworden. Davor waren wir uns so fremd. Gemeinsam in einem Freundeskreis. Doch nie wirklich Freunde.

Doch auf einmal hat sich alles geändert. Die Beerdigung, dein Schmerz, mein krampfhafter Versuch stark zu sein. Wir hatten uns in dem Moment gefunden. Einander gesehen. Du suchtest Trost, ich wollte ihn geben. Es war perfekt. Nur hatten wir vergessen, dass wir nichts gemeinsam haben, dass wir uns nicht mal wirklich mögen.

Wir hielten aneinander fest, weil wir, so schien es uns, nur mehr übrig waren. Haben uns ineinander verrannt. Uns gegenseitig immer tiefer hinab gezogen. Löcher geschaffen, anstatt vorhandene zu überwinden, zu füllen.

Mein Schlußstrich gegen diese Art von Leben war für Dich gleichbedeutend mit einem Abbruch unserer Zweckfreundschaft. Das war es, wenn ich ehrlich bin, auch. Aber ich hatte Dich lieb gewonnen. Hatte an Deiner Seite viel erlebt, viel durchgemacht, etwas zu viel gesehen. Und Dich in mein Herz geschlossen, auf eine merkwürdige, mich auffressende Art und Weise.

Zwei Jahre hatte ich Dich nicht gesehen. Und wenn wir uns über den Weg liefen, inmitten des Stadttrubels, habe ich geschickt weggesehen, Dich ignoriert.
Und dann warst Du plötzlich da. Ich war unvorbereitet. Du zugedröhnt. Mitten in der Nacht standest Du vor meiner Tür. Das Haus hinter mir war leer, die Angst in mir unermeßlich groß.

Du warst so zornig. So blind vor Wut und Gift. Ich erkannte Dich nicht mehr. Du sahst aus, wie der Tod, als wärst du kurz davor zu gehen. Ich hatte Angst um Dich, um mich. Dein Flehen auf die letzte zweite Chance. Mein Verneinen führte zu einer Überreaktion. Ich hätte es wissen müssen, war jedoch zu überrumpelt von Deinem plötzlichen Erscheinen, dass ich richtig hätte handeln können.
Zerstörungswut. Aggression. Du wolltest mir nicht weh tun, hast Du aber dennoch. Die blauen Flecke waren das kleinste Übel.

Deine Mutter, heulend am Telefon, sagte Worte, die ich nie von einer Mutter hätte hören wollen. Ich habe ihn aufgegeben. Ich sehe, wie es mit ihm zu Ende geht und kann nichts tun. Ich hätte ihr widersprechen sollen, konnte es nicht.

Etwas zu viel. Weiße Wände. Weiße Gesichter. Das eine Mal, zu viel. Dann dein Geständnis, es mit Absicht gemacht zu haben. Deine Enttäuschung, darüber, dass es nicht funktioniert hat, so wie Du es Dir vorgestellt hast. Erkenntnis und Einsicht folgten. Schwer konnte ich es Dir glauben und noch schwerer fiel es mir, Dir beizustehen.
Ich hätte es getan. Denke ich zumindest. Nur Deine Art damit umzugehen, hat mich beinahe aufgefressen. Du hast die Schuld auf mich abgeschoben, mein Fehlen in Deinem Leben als Grund für Dein Versagen genannt.

Das war es für mich. Das Ende von uns. Das Ende von etwas, das nie hätte beginnen dürfen.
Die Bilder in meinem Kopf will ich nicht missen. Wir hatten so wundervolle Zeiten gemeinsam. Ich geb es zu, manche dieser Bilder habe ich verschönert, ausgeschmückt mit Leben, Glück. Gut verstaut in meinem Kopf. Abrufbar, wenn ich daran zerren will.

Einmal will ich es noch sagen. Nur noch einmal. Um damit abschließen zu können. Um meinen Schlußstrich endlich fertig ziehen zu können:

Ich habe Dir nichts mehr zu sagen.

23.11.09 01:39


Just pretend that it doesn’t hurt at all.


Er. Ich. Aneinander vorbei gelebt.
Du warst ständig so nah und doch nie da. Meine Angst zu Dir zu kommen wuchs von Tag zu Tag, bis es mir nicht mehr möglich war.
Die paar Versuche, die ich unternommen habe, um die Nähe zwischen uns aufzubauen, hast du abgeblockt. Ein Schritt auf Dich zu bedeutete, dass Du drei Schritte von mir weg gehst.
Mit jedem Mal wurde es schwieriger, die Enttäuschung jedoch geringer.
Ich kannte Deine Reaktion auf mein vergebliches Winseln um Liebe, Anerkennung, Stolz.

Als das Leben mir D. genommen hat, ich unter Tränen in der Küche zusammen gebrochen bin, hast Du mich verachtend angesehen und Salz in meine Wunde gestreut. Du bist jung, hast Du gesagt, Dir passiert noch viel Schlimmeres. Das ist kein Grund Dich so aufzuführen.
Ich war so erschüttert. Verletzt. Entsetzt. Und hasserfüllt. Jahrelang habe ich versucht zu begreifen, wieso Du in dem Moment so warst. Doch die Erkenntnis blieb mir bis heute verwehrt.

So oft wollte ich zu Dir. Davor. Danach. Denn ich wusste, Du hast die Stärke, die meine Mutter nicht hat, nie hatte. Die Stärke, die ich so dringend gebraucht hätte. Eine starke Hand. Eine Schulter. Eine Vaterfigur. Einen Vater.

Ich versuche zu verstehen. Es zu begreifen.
Das erstgeborene Kind, ein Mädchen, kein Junge, so wie Du es Dir eigentlich erwünscht hattest. Das Mädchen, das Deine Sehnsucht nach einem Jungen immer gespürt hat. Kaum war mein Bruder auf der Welt, hattest Du nur mehr Augen für ihn. Um Aufmerksamkeit von Dir zu bekommen, wurde ich immer burschikoser. Flüchtete mich in eine jungenhafte Welt, was Dir zuwider war. Das verstand ich damals nicht. Heute dafür umso mehr.
Ich hätte die Vorzeigetochter sein sollen. In Kleidchen, adrett, höflich und vor allem mädchenhaft.
In meiner kindlichen Naivität aber habe ich versucht Dir in der Werkstatt zu helfen, um Dir zu zeigen, dass ich genauso sein kann, wie mein Bruder. Doch Du hast es nicht gewürdigt, mich mit bösen Worten weggeschickt, als wäre ich Ballast, als stünde ich nur im Weg.

Ich war vielleicht vierzehn. Die Nacht hatte seine Spuren an mir hinterlassen. Ein blaues Auge. Der Abdruck einer Hand von einem Kerl, mit dem ich nicht schlafen wollte. Unter Tränen lief ich zu Dir, die Angst steckte noch in meinen Knochen, brachte meinen ganzen Körper zu zittern.
Verstört hast Du mich angeblickt. Doch bevor ich Dir erklären konnte, was passiert war, hast Du selbst Schlüsse gezogen. Ich hätte mich geprügelt, um aufzufallen, um mal wieder anzuecken. Ich war in der Hoffnung gekommen, Schutz zu finden und bekam Ablehnung.
So wie immer.

Heute vermisse ich Dich nicht mehr. Ich sehe Dich an und empfinde nur mehr einen kleinen Rest an Gefühlen, die ich alle verschnürt und weggepackt habe.

Doch gibt es Dinge, die mich verraten. Der sehnsüchtige Blick zu einem Vater-Tochter-Gespann. Die Worte, die merklich auf meiner Zunge liegen, jedoch ungesagt bleiben. Die Trauer in meinen Augen, wenn ich Dich mit Freunden sehe, denen Du in einem kurzen Moment mehr Aufmerksamkeit schenkst, als mir in meinem ganzen Leben.

Irgendjemand sagte mir mal, dass es viel schlimmer sei, ohne Vater aufzuwachsen. Aber wenn ich so in mich hineinfühle, hätte ich diese Vaterlosigkeit, einem Vater, der neben mir steht, aber mir nicht beisteht, vorgezogen.

22.11.09 15:21