Just pretend that it doesn’t hurt at all.


Er. Ich. Aneinander vorbei gelebt.
Du warst ständig so nah und doch nie da. Meine Angst zu Dir zu kommen wuchs von Tag zu Tag, bis es mir nicht mehr möglich war.
Die paar Versuche, die ich unternommen habe, um die Nähe zwischen uns aufzubauen, hast du abgeblockt. Ein Schritt auf Dich zu bedeutete, dass Du drei Schritte von mir weg gehst.
Mit jedem Mal wurde es schwieriger, die Enttäuschung jedoch geringer.
Ich kannte Deine Reaktion auf mein vergebliches Winseln um Liebe, Anerkennung, Stolz.

Als das Leben mir D. genommen hat, ich unter Tränen in der Küche zusammen gebrochen bin, hast Du mich verachtend angesehen und Salz in meine Wunde gestreut. Du bist jung, hast Du gesagt, Dir passiert noch viel Schlimmeres. Das ist kein Grund Dich so aufzuführen.
Ich war so erschüttert. Verletzt. Entsetzt. Und hasserfüllt. Jahrelang habe ich versucht zu begreifen, wieso Du in dem Moment so warst. Doch die Erkenntnis blieb mir bis heute verwehrt.

So oft wollte ich zu Dir. Davor. Danach. Denn ich wusste, Du hast die Stärke, die meine Mutter nicht hat, nie hatte. Die Stärke, die ich so dringend gebraucht hätte. Eine starke Hand. Eine Schulter. Eine Vaterfigur. Einen Vater.

Ich versuche zu verstehen. Es zu begreifen.
Das erstgeborene Kind, ein Mädchen, kein Junge, so wie Du es Dir eigentlich erwünscht hattest. Das Mädchen, das Deine Sehnsucht nach einem Jungen immer gespürt hat. Kaum war mein Bruder auf der Welt, hattest Du nur mehr Augen für ihn. Um Aufmerksamkeit von Dir zu bekommen, wurde ich immer burschikoser. Flüchtete mich in eine jungenhafte Welt, was Dir zuwider war. Das verstand ich damals nicht. Heute dafür umso mehr.
Ich hätte die Vorzeigetochter sein sollen. In Kleidchen, adrett, höflich und vor allem mädchenhaft.
In meiner kindlichen Naivität aber habe ich versucht Dir in der Werkstatt zu helfen, um Dir zu zeigen, dass ich genauso sein kann, wie mein Bruder. Doch Du hast es nicht gewürdigt, mich mit bösen Worten weggeschickt, als wäre ich Ballast, als stünde ich nur im Weg.

Ich war vielleicht vierzehn. Die Nacht hatte seine Spuren an mir hinterlassen. Ein blaues Auge. Der Abdruck einer Hand von einem Kerl, mit dem ich nicht schlafen wollte. Unter Tränen lief ich zu Dir, die Angst steckte noch in meinen Knochen, brachte meinen ganzen Körper zu zittern.
Verstört hast Du mich angeblickt. Doch bevor ich Dir erklären konnte, was passiert war, hast Du selbst Schlüsse gezogen. Ich hätte mich geprügelt, um aufzufallen, um mal wieder anzuecken. Ich war in der Hoffnung gekommen, Schutz zu finden und bekam Ablehnung.
So wie immer.

Heute vermisse ich Dich nicht mehr. Ich sehe Dich an und empfinde nur mehr einen kleinen Rest an Gefühlen, die ich alle verschnürt und weggepackt habe.

Doch gibt es Dinge, die mich verraten. Der sehnsüchtige Blick zu einem Vater-Tochter-Gespann. Die Worte, die merklich auf meiner Zunge liegen, jedoch ungesagt bleiben. Die Trauer in meinen Augen, wenn ich Dich mit Freunden sehe, denen Du in einem kurzen Moment mehr Aufmerksamkeit schenkst, als mir in meinem ganzen Leben.

Irgendjemand sagte mir mal, dass es viel schlimmer sei, ohne Vater aufzuwachsen. Aber wenn ich so in mich hineinfühle, hätte ich diese Vaterlosigkeit, einem Vater, der neben mir steht, aber mir nicht beisteht, vorgezogen.

22.11.09 15:21
 


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